(Erlangen) Im Krisenfall ist eine schnelle und zuverlässige Warnung besonders wichtig. Um die deutschen Alarmsysteme zu testen, findet jedes Jahr ein Warntag statt. Der nächste Termin dafür ist in Bayern der 12. März 2026. An diesem Tag werden verschiedene Kommunikationssysteme zur Warnung der Bevölkerung geprüft – unter anderem der Digitalradio-Standard DAB+. Dafür hat das Fraunhofer IIS eine Technologie maßgeblich mitentwickelt, die auch beim landesweiten Probealarm in Bayern zum Einsatz kommen kann: Automatic Safety Alert (ASA). Sie ermöglicht Warnmeldungen selbst dann, wenn Mobilfunk- oder Internetverbindungen ausfallen. Doch wie funktioniert das System – und wie wird es im Katastrophenfall eingesetzt?
11. September 2025, 11 Uhr. Ein schrilles Piepen durchdringt ganz Deutschland. Seit 2020 wird jährlich eine Probewarnung durchgeführt, um für den Krisenfall ein funktionstüchtiges Warnsystem sicherzustellen. Die meisten Menschen erhalten die Meldung über einen lauten Signalton auf ihrem Handy. Doch was passiert, wenn der Mobilfunk versagt – ein denkbares Szenario im Katastrophenfall. Hier kommt ASA ins Spiel.
ASA – Katastrophenwarnung mit Hilfe von Geofencing
Die ASA-Technologie übermittelt Warnmeldungen über DAB+-Radios auch dann, wenn Mobilfunk oder Internet ausfallen. Andere Warnmöglichkeiten wie beispielsweise Apps oder Cell-Broadcast-Nachrichten auf unseren Smartphones sind dagegen immer von einer Mobilfunkverbindung abhängig. Eine weitere Besonderheit von ASA ist, dass mit der Technologie ausgestattete Radios über eine Lokalisierungsfunktion verfügen. Dadurch können betroffene Gebiete gezielt gewarnt werden und gleichzeitig wird eine Überwarnung der Bevölkerung vermieden. Ein Softwaremodul verarbeitet die Lokalisierungsdaten und kann das Radio bei Bedarf aus dem Standby aktivieren oder automatisch das Programm wechseln, sodass die Gefahrenmeldung die Nutzerinnen und Nutzer jederzeit erreicht.
Die Warnmeldungen sind regional angepasst und erfolgen über sogenannte Geocodes – zwölfstellige Zahlenfolgen, die jeweils ein etwa ein Quadratkilometer großes Gebiet beschreiben und einmalig von den Verbraucherinnen und Verbrauchern im Radiogerät als Standort-Information hinterlegt werden müssen. Diese Codes können Anwenderinnen und Anwender auf der ASA-Website einsehen und in ihr Radiogerät eingeben.
Damit ASA-Radios schnell erkennen können, ob die aktuelle Gruppe von Radiosendern auf einer DAB+-Frequenz (dem sog. Ensemble) Warnmeldungen unterstützt, senden ASA-fähige Ensembles einmal pro Sekunde ein „Heartbeat“-Signal. Im Alarmfall enthält dieses Signal zusätzlich Informationen zur jeweiligen Warnstufe.
»Die von mir geleitete Arbeitsgruppe des Digitalradio Deutschland e.V. hat sich dafür entschieden, zunächst nur Warnmeldungen der Priorität Stufe 1 über das ASA-System auszuspielen, weil wir mit dieser Umschaltfunktion sehr invasiv sind; wir machen dies nur in Situationen, bei denen der Zeitfaktor extrem kritisch ist«, erklärt Olaf Korte, Gruppenleiter Broadcast Applications am Fraunhofer IIS. Eine automatische Aktivierung des Radios erfolgt folglich nur bei Warnstufe 1, der höchsten der drei vorgesehenen Stufen des bundesweiten Modularen Warnsystems (MoWaS). Bei Warnstufen 2 und 3 würden wie bisher nur eingeschaltete Geräte im Rahmen des normalen laufenden Radioprogramms informiert, um unnötige Störungen – etwa nachts – zu vermeiden.

Automatisierte Warnkette im Katastrophenfall
Barrierefreie Warnung mit ASA
Alle Geräte mit integrierter ASA-Technologie sind mit dem ASA-Logo gekennzeichnet. Die Warnungen erfolgen entweder als Sprachdurchsagen von Radiosprecherinnen und-sprechern oder über Text-to-Speech-Technologien (TTS), bei denen eine Textmeldung automatisch in gesprochene Sprache umgewandelt wird. Neben akustischen Signalen für Hörerinnen und Hörer können für Gehörlose die Meldungen auf dem Radiodisplay mittels der erweiterten Warnfunktion EWFplus in detaillierter Textform als Journaline-Text angezeigt werden – bei ausgewählten Geräten sogar per Blinksignal. Somit kann ASA mit EWFplus eine weitestgehend barrierefreie Warnung bieten.
ASA als Standard für Katastrophenwarnung
Das Team rund um Olaf Korte beschäftigt sich seit etwa 2010 mit der Integration von Warnfunktionen in den digitalen Rundfunk und ist seit 30 Jahren in der Standardisierung tätig. ASA wurde als internationaler Standard eingeführt und basiert auf Normen des European Telecommunications Standards Institute (ETSI). Die ersten zertifizierten Empfänger sind seit Mitte 2025 im Handel erhältlich. Die Technologie ist nun wichtiger Bestandteil des Warnmixes, der weiterhin aus Sirenen, Warn-Apps und Cell Broadcast besteht.
Ein erster Testlauf mit ASA-Übertragungen per DAB+ fand beim bundesweiten Warntag im September 2024 statt. Im September 2025 wurden erstmals ASA-zertifizierte Empfangsgeräte im Einsatz getestet: Die Warnmeldungen über das Funkhaus Ingolstadt integrierten dabei sogar erstmals die vollständige Warnkette inklusive des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) sowie dem Modularen Warnsystem. ASA wird direkt an MoWaS angebunden, wodurch sichergestellt ist, dass nur autorisierte Warnmeldungen verbreitet werden – eine unkontrollierte Aussendung ist somit ausgeschlossen.
Beim landesweiten Probealarm in Bayern wird ASA 2026 voraussichtlich erneut getestet. Die flächendeckende Ausstattung ist jedoch noch nicht gegeben: Die Infrastruktur für die DAB+-Warnübertragung wird in Deutschland und damit auch in Bayern schrittweise ausgebaut.
Als weiterer wichtiger Meilenstein wird aktuell zum nächsten bundesweiten Warntag am 10. September 2026 der Start des ASA-Regelbetriebs im ersten bundesweiten DAB-Multiplex angestrebt. In anderen europäischen Ländern, wie etwa Österreich, befindet sich die Implementierung der Technologie noch in der Entwicklungsphase. Olaf Korte und sein Team blicken hoffnungsvoll in die Zukunft und streben danach, sowohl auf Landes- als auch auf globaler Ebene ein zuverlässiges Warnsystem mithilfe der ASA-Technologie zu etablieren.


